
HistorischesDie Landesheil- und Pflegeanstalt Haina 1900-1953Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts vergrößerte sich die Anstalt Haina beträchtlich: Die Zahl der Pfleglinge stieg auf fast 1000, von denen jedoch nur ca. 800 in der Anstalt selbst lebten. Die übrigen Kranken waren in kirchlichen Anstalten oder in Familienpflege oder befanden sich in Urlaub. Zu den Handwerks- und Gutsbetrieben, die die eigene Versorgung sicherten, kamen nun auch Produktionsstätten für Güter zum Weiterverkauf hinzu wie z.B. eine Korbflechterei, eine Werkstatt, in der Zigarren hergestellt wurden (1914: 48185 Stück) und eine Bürstenbinderei. Der erste WeltkriegMit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde auch in Haina ein Lazarett für ca. 40 Soldaten eingerichtet. Das Leben der Patienten verschlechterte sich. Die durch den Krieg bedingte Verknappung der Ernährung konnte auch durch Hebung der Verköstigungssätze nicht ausgeglichen werden. Die Todesrate der Patienten stieg bei sinkender Belegung fast auf das Dreifache der Vorkriegszeit an. Die Zahl der Aufnahmen ging drastisch zurück.
Die mangelhafte Ernährung der Kranken erhöhte ihre Anfälligkeit für Infektionskrankheiten wie z.B. Tuberkulose. Nach Ende des Krieges besserte sich die Lage wieder. 1919 schrieb der Anstaltsleiter in Haina: "Die Ernährungsverhältnisse waren gegen das Vorjahr ganz erheblich gebessert, was ein Hauptgrund für die schon erwähnte Abnahme der Sterblichkeit darstellt ... Auch als Folge der besseren Ernährung ist der Umstand zu bemerken, daß die Zahl der arbeitenden Kranken im allgemeinen erheblich zunahm. Sie betrug im Durchschnitt 50% und erreichte zeitweise einen noch höheren Prozentsatz." (Zahlen und Zitat aus: Verhandlungen des Kommunallandtages für den Regierungsbezirk Cassel in den Jahren 1915-1921.) Psychiatrische Reformen in den 20er und 30er JahrenIn den 20er Jahren setzte sich in der Psychiatrie die "aktivere Therapie" nach dem Konzept des Gütesloher Psychiaters Hermann Simon durch. Ziel dieser Behandlung war die Beschäftigung der Patienten, durch die Ruhe, Ordnung und soziales Einordnungsvermögen eingeübt werden sollen. Dabei wurde die Arbeit als Therapie verstanden. Dies war ein erster Schritt zu einer Beschäftigung mit den Patienten zu dessen Wohl und nicht nur zur Erledigung nötiger Arbeiten im Krankenhaus und der Weg zur modernen Arbeits- und Beschäftigungstherapie. In der Umbenennung der "Irren" in "Geisteskranke" Ende der 20er Jahre manifestierte sich das neue Verständnis für die Kranken. In den 30er Jahren wurden die "Schockmethoden" als Therapien entwickelt und in den Kliniken und Anstalten angewandt. Mittels Injektionen von Insulin oder Cardiazol wurden Krampfanfälle künstlich hervorgerufen, die eine krankheitsdämpfende oder heilende Wirkung hatten. 1939 wurde mir Elektrizität geschockt. Die Schocktherapien waren für die Patienten risikoreich und strapaziös. In Haina wurden ab den 30er Jahren Elektroschocks und Insulinkuren zur Therapie angewandt. Wegen der Insulinknappheit wurden die Kuren ab Kriegsbeginn eingeschränkt. Die Zeit des Nationalsozialismus - Vernachlässigung und VernichtungDie dunkelste Zeit der Psychiatrie begann 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Der Kommunallandtag des Bezirksverbandes Kassel wurde aufgelöst und die Verwaltung dem Oberpräsidenten, Prinz Philipp von Hessen, einem überzeugten Nationalsozialisten, unterstellt. In der NS-Ideologie wurden psychisch kranke und geistig behinderte Menschen als "lebensunwert", "minderwertig" und "Ballastexistenzen" bezeichnet. In Schulbüchern, Propagandafilmen und Ausstellungen wurden die Insassen von Anstalten diffamiert und als "erbkrank" eingestuft. In der Tendenz war dies die Vorbereitung der Ermordung der Geisteskranken, die für das Volksganze nun "unnütze Esser" waren. 1934 trat das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" in Kraft. Tausende von Pfleglingen wurden gegen ihren Willen zwangssterilisiert, weil sie angeblich erbkrank waren. In Hessen setzte 1937 das "Führerprinzip" ein, das kirchliche Pflegeheime unter staatliche Verwaltung stellte. 1939 begann mit dem Zweiten Weltkrieg der Vernichtungsfeldzug gegen die Anstaltsinsassen. Sie wurden per Meldebogen systematisch erfaßt und unter Vortäuschung von kriegswichtigen Gründen erst in Zwischen- und dann in Tötungsanstalten verlegt. Dazu hatten die Kanzlei des Führers und das Reichsministerium des Inneren eine geheime Organisation in Berlin aufgebaut, die das sogenannte "Euthanasie"-Programm bis zum Kriegsende steuerte. Etwa 200.000 Menschen fielen dabei diesem Krankenmord zum Opfer. Die NS-Zeit in HainaErste Anzeichen für eine Verschlechterung der Situation der Hainaer Patienten war die kontinuierliche Kürzung der Pflegesätze, die eine Reduzierung der Verköstigung zur Folge hatte. Auch in Haina wurden ab 1934 Patienten zwangssterilisiert. Ab 1937 stieg die durchschnittliche Belegungsstärke der Heilanstalt von 800 auf etwa 1200 Personen an. Ursache dafür waren sogenannte Wirtschaftlichkeitsprüfungen der Anstalten, die ergaben, man könne noch mehr Menschen auf noch engerem Raum unterbringen, damit alle Kapazitäten ausgelastet wären. So wurden immer mehr Pfleglinge aus kirchlichen Anstalten wie dem St. Antoniusheim aus Bethel und Hephata bei Treysa zwangsweise nach Haina verlegt. Das Personal wurde nicht verstärkt - im Gegenteil, mit Kriegsbeginn wurden viele Pfleger eingezogen. Für das Reservelazarett standen zwischen 300 und 600 Betten zur Verfügung. Ab 1937 lebten Patientinnen aus Merxhausen als Arbeitskräfte für die Hauswirtschaft in Haina, auch männliche Häftlinge aus der Korrigenden- und Landarmenanstalt Breitenau wurden zur Arbeit eingesetzt. Die Patienten lagen in Doppelstockbetten auf Strohsäcken, was die hygienischen Bedingungen erheblich verschlechterte. Das Durchschnittsgewicht der Patienten sank von 62,5 kg (1937) auf 58,1 kg (1943). Eine Verschärfung der Situation für die Patienten trat mit der Einrichtung eines Lazaretts in Haina ein. (Ebenso wie im Ersten Weltkrieg wurden auch im Zweiten Weltkrieg Betten für Kriegsverletzte freigemacht und die Anstaltsinsassen auf engerem Raum untergebracht.) Besonders in harten Wintern kam es zu Ernährungsengpässen und die Kranken starben vermehrt an Erkältungskrankheiten und Marasmus. Die durchschnittliche Todesrate von vier Prozent in den Vorkriegsjahren stieg ab 1939 an, Höhepunkte waren in den Jahren 1940 (13,8%), 1944 (11,4%) und 1945 (17%). Noch höhere Todesraten von bis zu 30% Sterbefälle pro Jahr gab es z.B. in der Landesheilanstalt Merxhausen und von 40% in der südhessischen Landesheilanstalt Weilmünster. Die "Euthanasie"-Aktion erreichte Haina 1940. Die Meldebögen mußten in kürzester Zeit ausgefüllt werden. Abgefragt wurde neben persönlichen Daten zum Patienten auch die "Heilbarkeit" der Krankheit und die "Arbeitsfähigkeit". In der Planungszentrale in Berlin werteten sogenannte Gutachter die Bögen aus. Die als unheilbar und wenig arbeitsfähig eingestuften Patienten kamen auf eine Transportliste. Im Frühsommer 1941 wurden 461 Hainaer Patienten in die Zwischenanstalten Idstein und Weilmünster verlegt. Kurz darauf wurden sie mit Bussen in die hessische Tötungsanstalt Hadamar überführt. Dort wurden die Menschen am gleichen Tag in einer als Duschraum getarnten Gaskammer ermordet. In der Tötungsanstalt Hadamar starben 1941 über 10.000 psychische Kranke und geistig Behinderte durch Gas. Den Angehörigen wurden falsche Todesursachen, -zeiten und -orte mitgeteilt. Die Leichen verbrannten die Täter sofort in Krematorien. Von 1942-1945 tötete das Personal der Landesheilanstalt Hadamar nochmals fast 5000 Menschen mit Giftinjektionen. Heute erinnert im psychiatrischen Krankenhaus Hadamar eine Gedenkstätte mit Dokumentation an die Opfer der NS-"Euthanasie"-Verbrechen. Alle jüdischen Patienten aus Haina waren schon im September 1940 in eine Sammelanstalt nach Gießen und dann weiterverlegt worden. Auch diese 30 Männer aus Haina starben im Gas, der Ort ist bis heute unbekannt. Von den in Haina unter härtesten Bedingungen verbliebenen Patienten waren auch solche, die nach dem §42 StGB eingewiesen worden waren. Das hieß, sie hatten Straftaten begangen und waren als unzurechnungsfähig erklärt worden. Auch diese wurden in ein KZ verlegt. Zwei überlebten in Mauthausen, die anderen Männer sind wahrscheinlich im KZ umgekommen. Nur von einigen ist das Todesdatum gewiß. Mit dem Kriegsende im Mai 1945 endeten in Deutschland die "Euthanasie"-Morde. Fast aus jeder Anstalt waren Patienten ermordet worden. Viele Psychiatrien hatten als Mordstätten mit Gas oder Giftinjektionen fungiert. Die übrigen Heil- und Pflegeanstalten waren heruntergekommen, die Kranken unterernährt und verwahrlost, das Personal z.T. verroht oder am Krankenmord beteiligt gewesen. Auch in Haina dauerte es noch bis zum Anfang der 50er Jahre, bis die hohe Sterblichkeit unter den Patienten nach und nach zurückging.
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