Zentrum für Soziale Psychiatrie Haina LWV Impressum Kontakt

Historisches

Das Hospital Haina von 1533 bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts

Die Einrichtung des Hospitals in Haina war ein Element der Neuordnung der Versorgung armer und kranker Menschen im gesamten hessischen Territorium. Durch die Auflösung der Klöster fielen karitative Aufgaben in die Hand der weltlichen Ordnung, d.h. die Landgrafen entwickelten ein neues System der Armenpflege in Hessen: hierzu gehörte der Ausbau und die Ordnung des Kastenwesens (die Pfarreien sollten über genügend Almosen für die Armen verfügen), die Verbesserung der bereits bestehenden städtischen Hospitäler und die Neugründung von Hospitälern in Städten, wo sie noch fehlen, sowie die Gründung von vier landgräflichen Hohen Hospitälern. Diese territorialen Hospitäler entstanden 1533 in Haina in Oberhessen und in Merxhausen in Niederhessen, 1534 in Hofheim bei Darmstadt in der Obergrafschaft Katzenelnbogen und 1542 in Gronau bei Sankt Goar in der Niedergrafschaft Katzenelnbogen. Gronau wurde im 30-jährigen Krieg aufgelöst.

Die Hospitaliten und ihre Unterbringung

Haina war als Hospital für arme, alte und gebrechliche Männer konzipiert worden. Bald wurden aber auch Waisen und Findelkinder aufgenommen, auch kamen gegen Bezahlung melancholische und wahnsinnige Bewohner aus diversen Städten in Haina unter. Alle mußten ihr Vermögen bzw. ihr Erbteil in das Hospital einbringen. Über die Aufnahme entschieden die Landgrafen, die die schriftlichen Bittgesuche der Betroffenen oder der Angehörigen und die Kommentare der Pfarrer, Amtsleute und Bürgermeister persönlich prüften. Armut und Krankheit, christlicher Lebenswandel und Verdienste für die Landgrafschaft spielten für die positive Entscheidung eine Rolle.

Erst ab 1728 wurden auch Atteste von Ärzten gefordert. Die Hospitaliten waren alte Männer ohne versorgende Familie, durch Krankheit oder Unfall gebrechliche, Blinde, Taube und Lahme, Epileptiker oder "Sinnenlose" und "Wahnsinnige". Die Anträge auf Aufnahme ins Hospital wurden sehr zahlreich gestellt. Das ursprüngliche für 100 Personen gedachte Hospital unterhielt schon 1550 176 Personen. Nach dem 30-jährigen Krieg lebten sogar über 300 Hospitaliten in Haina, 1803 fast 400. Gelegentlich wurden auch Frauen ins Hospital aufgenommen, es waren meist Frauen, die die Pflege ihrer Männer mitübernahmen, und Frauen, die die Arbeit im Wasch- oder Viehhaus erledigten.

Untergebracht waren die Hospitaliten in den Räumen der Kreuzganggebäude: in dem ehemaligen Refektorium (heute Winterkirche) befand sich wahrscheinlich die "Große-" oder "Brüderstube" für noch arbeitsfähige Männer. Eine Stube, vielleicht der ehemalige Kapitelsaal, nahm Blinde und Epileptiker auf. Eine weitere Stube, wahrscheinlich die ehemalige Parlatur (heute Museum) diente bettlägerigen kranken Männern. Im "Gewölbe" das wohl über dem Kapitelsaal (heute Konferenzraum) zugänglich war, waren "wahnsinnige" und "mondsüchtige" Leute die rasten sowie andere "Stumme", "Taube" und sonstige "elende Arme" zum Teil an Ketten untergebracht (Beschreibung nach Pfarrer Letzner, 1588).

Im 16. Jahrhundert kam noch ein "Blockhaus" hinzu, in dessen massiven Unterbau eine fünfte Stube eingerichtet wurde. Darin lebten die "rasenden Leut" in verschlossenen Käfigen, welche über der dem Bach Wohra hingen. "Drey eisern offen" sollten den Bedauernswerten Wärme spenden. Diese Kisten dienten aber auch zur Unterbringung von Strafgefangenen, die nicht zum Hospital gehörten. 1556 wurde außerdem ein Leprosenhaus gebaut, indem sich 1588 18 Aussätzige befunden haben sollen. Letzte Neubauten des Hospitals waren ein dreistöckiger Ziegelbau mit vielen kleinen Stuben (er wurde 1876 abgebrochen) für 2-4 Pfleglinge und ein Erweiterungsbau am Westflügel des Klosters, der sogenannte "Honoratiorenbau" für Hospitaliten von Stande (Abriß zwischen 1850 und 1860).

Der Tagesablauf der Hospitaliten war bestimmt durch Gebet, Seelsorge und Arbeit, wie allgemein die Armen- und Krankenfürsorge lange Zeit der christlichen Tradition verbunden blieb. Dem Pfarrer fiel eine zentrale Rolle zu, ihm zur Seite gestellt war ein "Lektor" oder Leser, der gleichzeitig Schulmeister war. Der Tagesablauf der Hospitaliten glich in vielem dem der Mönche. Es wurde regelmäßig gemeinsam gebetet oder ihnen aus der Bibel vorgelesen. Wer Gebet oder Predigt versäumte, mußte mit harten Strafen rechnen, bei Ungehorsam gegenüber dem Pfarrer wurde der Hospitalit mit Gefängnis oder Verweisung aus dem Hospital bestraft.

Die medizinische Versorgung der Kranken spielte nur eine nachgeordnete Rolle und bezog sich überwiegend auf körperliche Krankheiten und Gebrechen. Durch einen Barbier bzw. einen Bader wurden die Hospitaliten regelmäßig zur Ader gelassen, geschröpft oder gebadet. Bei den langwierigen Leiden bestand zumeist schon bei Eintritt in das Hospital keine Hoffnung mehr auf Heilung . Turnusmäßig besuchte ein studierter Arzt das Hospital, erst ab 1821 besaß Haina einen im Hospital ansässigen Mediziner und 1891 wurde der erste ärztliche Direktor als Leiter eingesetzt. Für die tägliche Pflege und nächtliche Betreuung der Hospitaliten waren Aufwärterehepaare zuständig. Sie hatten keine spezielle Ausbildung, sollten aber "gottesfürchtige" und "verständige" Menschen sein und keine kleinen Kinder haben.

Die Hospitaliten wurden während der Frühen Neuzeit in der Regel weit besser als die übrige arme Bevölkerung ernährt. Es gab in Haina wöchentlich drei Fleisch- und vier Fisch - oder Käsetage. Dazu kamen Suppe und Gemüse, als Getränke Bier und gelegentlich Wein. Täglich wurden zwei große Mahlzeiten gereicht. Entgegen der ursprünglichen Hospitalordnung gab es schon früh verschiedene Verköstigungsgruppen und unterschiedliche Kleidung.

Ein großer Teil der Versorgung des Hospitals wurde durch die Arbeit der Hospitaliten selbst gewährleistet - die, neben dem Beten, Zeichen eines gottgefälligen Lebens war. So arbeiteten die Hospitaliten in Küche und Keller, Backhaus, Mühle, dem Woll- und Leineweberhaus, in der Schreinerei, halfen bei leichten Feld und Grabarbeiten, hüteten Vieh, spannen Wolle und Flachs u.v.a.

Hospitalversorgung und -verwaltung

Neben der durch die Patienten zu bewältigende Arbeit fielen die anderen Arbeiten den Bediensteten zu oder in der Landwirtschaft den Pächtern. Das Hainaer Hospital hatte bei seiner Gründung etwa ein fünftel des alten klösterlichen Besitzes behalten. Die Waldungen, Weiden, Wiesen, Gärten, dazu Ackerland und Gewässer wurden zum Teil von den Bauern aus der Umgebung gepachtet. Einige von ihnen waren sogar Leibeigene des Hospitals. Der andere Teil wurde in Eigenwirtschaft durch Dienstpflichtige bestellt. Zu dem Besitz des Hospitals zählten auch Eisengruben. Dort wurde Eisenerz von freiberuflich arbeitenden Bergleuten geschürft und kam zur Weiterverarbeitung in die Hammerwerke und Schmelzhütten des Hospitals zu Dodenhausen, Fischbach und Rommershausen. Die Hütten wurden jedoch im 19. Jahrhundert endgültig geschlossen.

Die Oberaufsicht über das Hospital hatte der Obervorsteher. Dabei handelte es sich häufig um verdiente Hauptleute oder Offiziere, die zusammen mit ihren Ehefrauen die Verwaltungsgeschäfte des Hospitals leiteten. Dem Obervorsteher unterstanden bis 1810 die Bediensteten der vier Hospitäler, die Untertanen in den Hainaer Dörfern (die der Gerichtshoheit unterstellt waren) und die Hospitaliten. Die Gerichtshoheit lag zuerst in Haina, später dann in der Ortschaft Rosenthal.

Erst Ende des 17. Jahrhunderts zog der erste Obervorsteher nach Haina, seine Vorgänger hatten bis dahin auf ihren Landsitzen gelebt und waren nur zweimal wöchentlich nach Haina gekommen. Dem Obervorsteher zur Seite standen der "Rentmeister", der "Amtsvogt", der "Fruchtschreiber" und der Pfarrer.

Die Entscheidung über wichtige Verwaltungsangelegenheiten und die Aufnahmeanträge für die Hospitaliten lag jedoch beim Landgrafen. Landgräfliche "Räte" und "Diener" prüften jährlich in Haina und den anderen Hohen Hospitälern die Rechnungen.

Die Malerfamilie Tischbein

Die aus Marburg/Weidenhausen stammende Familie Tischbein siedelte 1685 nach Haina, wo Konrad (Curth) Tischbein die Stelle des Hospitalbäckers übernahm. Sein Sohn Johann Heinrich Tischbein (1683-1764) und dessen Ehefrau Susanna Margaretha Hinsing aus Bingenheim (1690-1772) gelten als Stammeltern der Malerfamilie.

Fast alle Kinder waren künstlerisch begabt. Der Überlieferung zufolge soll 1729 beim Besuch der landgräflich-darmstädtischen Regierungskommission ein (Amts-)Rat den zweitältesten der Brüder, Johann Valentin Tischbein, beim Zeichnen entdeckt haben. Der Junge erhielt daraufhin in Frankfurt eine Ausbildung zum Tapetenmaler und wurde zum Begründer der Malerdynastie, indem er auch für die Ausbildung seiner Brüder sorgte.

Besonders bekannt wurde Johann Heinrich Tischbein der Ältere (1722-1789), der als Hofmaler in Kassel wirkte. 1762 wurde er Professor am "Collegium Carolinum" und später an der Kunstakademie in Kassel. Ein Jahr vor seinem Tod besuchte der schon fast erblindete noch einmal Haina und schenkte der Heimatkirche das Altarbild "Christus am Ölberg".

Der Sohn seines älteren Bruders, des Hospitalschreiners Johann Konrad Tischbein, Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751-1829) wurde als Maler Goethes berühmt, den er auf seiner Italienreise begleitete. Das Geburtshaus des "Goethemalers", ein kleiner Fachwerkbau, ist noch heute in Haina erhalten.

- weiter lesen: 18.-19. Jahrhundert